An mehr als 1000 Zwangsarbeiter erinnern

Seit 1994 gibt eine Gedenktafel auf dem Einbecker Zentralfriedhof einen Hinweis auf die Zwangsarbeiter-Gräber. Foto: Initiativkreis Stolpersteine/Bertram

Der Initiativkreis „Stolpersteine für Einbeck“ lässt am Montag, 25. Juni, um 11 Uhr durch den Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Eingang des Neuen Rathauses in Einbeck eine Stolperschwelle verlegen. Diese Stolperschwelle soll an mehr als 1000 Männer, Frauen und Kinder erinnern, die in Einbeck zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind: In Industrie, Verwaltung, Handel, Handwerk, Gastronomie, privaten Haushalten und Landwirtschaft wurden diese Menschen entrechtet, gedemütigt und misshandelt, viele fanden den Tod. In den Jahren 2016 und 2017 sind in Einbeck bislang insgesamt 29 Stolpersteine vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus in den Gehweg verlegt worden. Stolpersteine sollen alltägliche Mahnmale sein, an denen man nicht vorbei gehen kann. Wenn Hunderte Stolpersteine mit Namen verlegt werden könnten, weil die Zahl der Opfer so groß ist, verlegt Gunter Demnig  eine Stolperschwelle.

Auch in Einbeck und Umgebung mussten Zwangsarbeiter den Arbeitskräftemangel in der Kriegswirtschaft ab 1939 immer stärker ausgleichen. Ihre Arbeitskraft wurde in den unterschiedlichsten wirtschaftlichen Bereichen ausgebeutet, in der Industrie ebenso wie im Handwerk, in der Landwirtschaft oder in der Verwaltung. In insgesamt fast 80 Betrieben waren die mehr als 1000 Zwangsarbeiter eingesetzt, das war im damaligen Einbeck rund ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. In den letzten Kriegsjahren stellten Zwangsarbeiter bei den meisten Unternehmen mehr als 50 Prozent der Gesamtbelegschaft, was deutlich die Abhängigkeit der Wirtschaft von den ausländischen Arbeitskräften zeigt.

Neben Zivilarbeitern haben die Betriebe über einen kürzeren oder längeren Zeitraum auch Kriegsgefangene eingesetzt. Während die Zahl der zivilen Zwangsarbeiter in Einbeck nach den in Archiven vorliegenden Meldeunterlagen mit über 1000 angegeben werden kann, ist die Quellenlage bei den Kriegsgefangenen schwieriger, eine Zahl konnten Historiker bislang nicht ermitteln. Bekannt ist, dass es in Einbeck vier Kriegsgefangenenlager und mehrere Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos gab.

In Einbeck arbeiteten Männer, Frauen und Kinder im Alter von 7 bis 62 Jahren als zivile Zwangsarbeiter in den Industriebetrieben, im Handwerk, in der Landwirtschaft, in Hotels, in Gaststätten, im Handel, in diversen städtischen Einrichtungen und in privaten Haushalten. Sie hatten keinerlei Rechte, konnten sich den Arbeitsplatz nicht aussuchen, nicht kündigen und waren dem jeweiligen „Arbeitgeber“ auch in Unterkunft und Verpflegung vollkommen ausgeliefert.

Die Bedingungen, unter denen Zwangsarbeiter in Einbeck leben mussten, lassen sich heute nur noch schwer rekonstruieren. Nach Schilderungen der ehemaligen „Ostarbeiterin“ Tatjana Gritschenko gab es im so genannten Russenlager an der Hannoverschen Straße immer zu wenig Brot und Fleisch. Die Lebensbedingungen dort waren katastrophal, sowohl im hygienischen Bereich als auch bei der Ernährung. Die Frauen, Männer und Kinder verrichteten sehr harte Arbeit, wurden mangelernährt und bekamen nur unzureichende medizinische Versorgung. Zwischen 1942 und 1945 starben 31 Menschen dort, darunter 24 Kleinkinder, wie Unterlagen belegen. Das so genannte Russenlager war 1942 eingerichtet worden. Trägerin war die Stadt Einbeck, die das Gelände pachtete und sechs Baracken aufstellte, in denen bis zu 300 Zivilarbeiter leben mussten, 80 Prozent von ihnen waren Russen. Private Betriebe mussten für die Unterbringung und Verpflegung der Zwangsarbeiter Abgaben bezahlen, was der Stadt im Oktober 1942 fast 13.000 Reichsmark einbrachte.

Bei NS-Zwangsarbeitern denken viele ausschließlich an den Einsatz ausländischer Arbeitkräfte in der Industrie. Doch auch Handwerk, Handel und Gastrononomie oder Privathaushalte haben in Einbeck während des Zweiten Weltkrieges ausländische Arbeitskräfte eingesetzt und waren von ihrer Arbeitsleistung abhängig. Das haben die Historiker Günther Siedbürger und Marc Czichy recherchiert und ausführlich im Einbecker Jahrbuch 49 (2004) dargestellt. Beispielsweise arbeiteten nach 1941 mindestens vier Franzosen sowie ein Italiener und ein Holländer bei einer Bäckerei; acht dort vorher tätige deutsche Bäcker, ein Kraftfahrer und ein Lehrling waren zum Militär eingezogen. Und auch die Stadtverwaltung hat damals Zwangsarbeiter eingesetzt, laut Dokumenten waren sogar mehrere Männer und Frauen dem damaligen Bürgermeister direkt zugeordnet.

Rodion Doroschko stand 1997 zum ersten Mal am Grab seiner in Einbeck beerdigten Schwester Efrosinja, die hier Zwangsarbeit leisten musste. Archiv-Foto: Initiativkreis Stolpersteine/Bertram

Auf dem Einbecker Zentralfriedhof gibt es seit 1994 eine Gedenktafel, die auf Gräber von Zwangsarbeitern hinweist. 1997 besuchte Rodion Doroschko aus der Ukraine, damals 78 Jahre alt, erstmals das Grab seiner Schwester Efrosinja. Die junge Frau wurde 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Von ihren Aufsehern war die 18-Jährige so brutal geschlagen worden, dass sie trotz ärztlicher Hilfe am Weihnachtstag 1943 im Einbecker Krankenhaus gestorben ist und am Rande des Friedhofs verscharrt wurde. Der Grabstein mit dem Namen wurde erst nach dem Krieg aufgestellt. Ebenso wie der von Theodor Gritschenko und Alexander Taranow. Die beiden Männer wurden am 14. Juni 1944 um 16.20 Uhr im Zwangsarbeiterlager an der Hannoverschen Straße auf Anordnung der Staatspolizei hingerichtet. Ihr Schicksal ist dank der Bemühungen von Friedrich Wille sowie Irmela und Friedel Kirleis im Jahre 2000 gut dokumentiert. Tatjana Gritschenko erinnerte sich gegenüber Friedrich Wille an die Hinrichtung: „An einem Tage kam ein Lastwagen mit offener Ladefläche ins Lager gefahren. Wir mussten alle zusehen. Unter dem Dach waren Haken. Ich stand zwischen den vielen anderen mit unserer Tochter Ludmilla auf dem Arm. Was dann geschah, habe ich nicht gesehen, ich bin ohnmächtig umgefallen. Die anderen haben es mir erzählt. Theodor und Alexander mussten auf die Ladefläche klettern. Sie bekamen einen Strick um den Hals gelegt, dann ist der Lastwagen angefahren…“

Die Finanzierung der Stolpersteine/Stolperschwelle inklusive der Verlegung wird durch private Spenden ermöglicht und von einem Initiativkreis des Fördervereins Alte Synagoge organisiert. Spenden sind jederzeit möglich auf das Konto des Fördervereins bei der Sparkasse Einbeck (IBAN DE46 2625 1425 0002 0230 34) mit dem Stichwort „Stolpersteine“.

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