Familie Sollinger

Julius Sollinger war Kaufmann, mit 33 Jahren zog er aus Wenzen mit Ehefrau Selma und der gerade geborenen Tochter Irene 1921 nach Einbeck, um dort sein Bekleidungshaus („Spezialhaus für sämtliche Manufakturwaren und fertige Damen-Bekleidung“) weiterzuführen. Das Geschäft, das er zusammen mit seinen Brüdern Hermann und Albert als „Gebrüder Sollinger OHG“ führte, befand sich im Haus Marktplatz 23, dem so genannten Steinhaus, das Julius Sollinger Anfang 1920 von dem Maurermeister Friedrich Dehne erworben hatte.

Die Sollingers waren in Einbeck eine angesehene und vermögende Familie, die sich am 17. Juni 1923 um eine weitere Tochter, Margot, vergrößerte. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und den Boykott jüdischer Geschäfte ab 1933 musste Julius sein Geschäft nach Insolvenz aufgeben. Das Haus wurde von der Sparkasse Einbeck übernommen und 1936 an die Stadt Einbeck weiterverkauft. Die Familie Sollinger zog daraufhin nach Hannover, lebte dort zuletzt im „Judenhaus“ in der Josephstraße 22.

Tochter Margot Sollinger heiratete 1941 in Hannover Herbert Hirschland. Die Familie Sollinger mit Julius, Selma, Margot und Schwiegersohn Herbert Hirschland wurden gemeinsam am Morgen des 15. Dezember 1941 nach Riga ins dortige Ghetto deportiert. Tochter Irene Sollinger war bereits am 9. April 1940 in die USA emigriert.

Selma Sollinger wurde vom Ghetto-Kommandanten SS-Obersturmführer Kurt Krause zum Funktionshäftling ernannt und war bei den deutschen Dienststellen zuständig für den Arbeitseinsatz der „Hannoveraner“. Julius wurde der Ghetto-Polizei zugeteilt, während Margot und Ehemann Herbert Hirschland außerhalb des Ghettos arbeiteten.

Zum nahenden Ende des Zweiten Weltkrieges im August 1944 begann die „Rückführung“ der deportierten Juden aus dem baltischen Raum. Julius und Selma Sollinger kamen am 8. August 1944 in Stutthof bei Danzig an, während Tochter Margot  und ihr Ehemann Herbert Hirschland erst am 1. Oktober 1944 in Stutthof registriert wurden. Von diesem Tag an verliert sich die Spur von Margot Hirschland, geb. Sollinger. Im westpreußischen Bromberg traf Selma Sollinger, vermutlich in einem Internierungslager für „Displaced Persons“ (DP), ihren am 12. März 1945 befreiten Schwiegersohn Herbert Hirschland zufällig wieder und kehrte mit ihm am 1. Juli 1945 nach Hannover zurück.

Julius Sollinger kam aus dem Ghetto Riga wie alle übrigen Familienmitglieder auch 1944 in das KZ Stutthof, wurde dort aber von seiner Ehefrau Selma getrennt und in das KZ Buchenwald überstellt. Von dort kam er am 8. September 1944 in das mit rund 2000 Häftlingen belegte Zeltlager Tröglitz  und starb am 22. Oktober 1944 vermutlich in dem dort eingerichteten Lazarett des Arbeitskommandos „Wille“ als Zwangsarbeiter. Er wurde auf dem dortigen Ostfriedhof begraben. Julius‘ Name steht dort auf einer vom Leiter des Krematoriums gegen den Willen der SS angelegten Liste der eingeäscherten Häftlinge.

Nach dem Krieg waren Selma Sollinger und ihr Schwiegersohn Herbert Hirschland seit dem 12. Dezember 1945 in Einbeck, Altendorfer Straße 18,  gemeldet. Selma meldete sich bereits am 6. Juni 1946 in Einbeck wieder ab, überließ ihr gemeinsames Geschäft „Sollinger & Hirschland“ (Haushaltswaren und Damenoberbekleidung) in der Benser Straße 1 ihrem Schwiegersohn und emigrierte in die USA. Herbert Hirschland ließ Margot, seine erste Frau, mit Wirkung vom 14. Mai 1950 durch das Amtsgericht Hannover für tot erklären und heiratete 1951 erneut. Er ist 2009 in Schwalbach/Main-Taunus-Kreis gestorben.

Selma Sollinger emigrierte am 22. August 1946 mit dem Schiff zu ihrer Tochter Irene in die USA (Philadelphia), heiratete dort ein zweites Mal. 1982 ist Selma Sollinger-Rosenblum in einem jüdischen Altersheim (Jewish Home) in Atlanta, Fulton, Georgia (USA) im Alter von 91 Jahren gestorben. Irene war im Juni 1978 vor ihrer Mutter gestorben.

Während der Überfahrt in die USA hat Selma Sollinger in ihr Tagebuch geschrieben: „Jeder von uns hatte nur den einen Gedanken, frei zu sein, sich frei bewegen zu können und abzuschließen mit den grausamen Schicksalsjahren, die hinter uns liegen, und einer neuen glücklicheren Heimat entgegenzufahren (…)“

Marktplatz 23, in den 1920-er Jahren. Foto: Stadtarchiv Einbeck