Bertha und Elsa Archenhold

Bertha Archenhold

Bertha Archenhold

Elsa Archenhold

Elsa Archenhold

Bertha Archenhold und ihre jüngere Schwester Elsa arbeiten ab ihrem 23. bzw. 24. Lebensjahr als Haustöchter in verschiedenen Städten. Bertha kehrt bereits nach einem Jahr (1911) wieder nach Einbeck zurück, weil der Vater Jacob Archenhold mit nur 54 Jahren gestorben ist, Elsa folgt 1914. Beide wohnen in der Tiedexer Straße 5, dem Haus ihrer Eltern. Die Archenholds versuchen, den Laden zu vermieten. Tatsächlich befindet sich von 1912 bis August 1915 die Tapetenhandlung von Karl Strauß im ehemaligen Geschäft des Vaters, sicher hat er dort auch Wohnung genommen. Dann wird Karl Strauß im Ersten Weltkrieg eingezogen, erst drei Jahre später kehrt er bis 1920 in die Tiedexer Straße zurück. Bertha und Elsa betreiben ab 1927 ein Kaffee, Tee- und Kakaogeschäft, das sie 1938 auf Anordnung der Behörden schließen müssen.

Es ist möglich, dass Archenholds von den Mieteinnahmen ihres Hauses den Lebensunterhalt bestreiten. In all den Jahren erlebt das Haus viele Mieter, in den meisten Fällen unvermögende alleinstehende Menschen, die jeweils nur einzelne Zimmer angemietet haben. 1939 tritt das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden in Kraft: Nichtjüdische Mieter werden dazu gedrängt, bei jüdischen Vermietern zu kündigen. Jüdischen Mietern wird gekündigt, sie werden in „jüdische“ Häuser gesteckt. Das bedeutet für die Schwestern Archenhold, dass aus der jüdischen Gemeinde in Einbeck der Rentner Gustav Franck mit 88 Jahren in das Haus der Archenholds ziehen muss, ebenso die 77-jährige Rosalie Fels, die 75-jährige Rosa Steinberg sowie Adolf Jordan (61).

Eine Zeitzeugin berichtet, dass die jüdischen Schwestern beim Einkaufen immer so lange warten mussten, bis alle anderen Kunden bedient waren. Ab September 1939 dürfen Juden nur noch in einem einzigen Lebensmittelgeschäft in Einbeck einkaufen. Eine weitere Zeitzeugin erinnert sich daran, dass die Schwestern Archenhold mit dem gelben Judenstern an der Kleidung neben dem Bürgersteig in der Gosse zu gehen hatten.

Am 7. März 1942 werden die Schwestern zwangsweise in den Reinserturmweg in Einbeck gebracht, in die dortigen Baracken, heute Ilmeweg. Ebenso wie ihre bisherigen Mieterinnen Rosa Steinberg und Rosalie Fels übrigens. Auf Anordnung der Behörden haben sie im März 1942 Lebensmittel für eine ganze Woche einzukaufen und dürfen dann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ende März werden sie über Hildesheim nach Hannover/Ahlem transportiert, um in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1942 in das Ghetto Warschau deportiert zu werden. Zunächst sollte der Transport nach Lublin bei Trawniki gehen, deshalb steht dieser Zielort auch im Einwohnermeldebogen der beiden Schwestern. Erst auf der Fahrt in Richtung Polen wurde das Ziel der Fahrt geändert. Beide Schwestern gelten als „vermisst“.

Tiedexer Straße 5.

Tiedexer Straße 5.

Martin Cohn

Martin Cohn

Martin Cohn

Martin Cohn zieht 1897 mit 28 Jahren von Göttingen nach Einbeck, zunächst in die Baustraße 12. Er arbeitet als Packer, Dienstknecht und Kutscher sowie als Desinfektor im öffentlichen Dienst, aus dem er zwischen 1933 und 1935 entlassen wird. Im Jahr 1900 heiratet der gebürtige Berliner Wilhelmine Kuthning, mit der er sieben Kinder hat. 1931 heiratet Martin Cohn nach dem Tode seiner ersten Frau erneut, auch Erna Schaper ist evangelisch-lutherischen Glaubens. Die Familie erlebt insgesamt acht Umzüge, die letzte Wohnung befindet sich in der Maschenstraße 5, die während der Reichspogromnacht 1938 verwüstet wird. Martin Cohn wird zwei Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Als Erna Cohn am 10. November 1938 von der Arbeit nach Hause kommt, stehen Türen und Fenster der Wohnung in der Maschenstraße offen, die Betten sind herausgerissen, die Schubladen durchwühlt. SA-Leute hatten nach Schriften gesucht. Martin Cohn ist Synagogendiener der jüdischen Gemeinde.

Nach einem weiteren Haftaufenthalt 1940 oder 1941 äußert er bereits Selbstmordgedanken. Am 21. April 1941 erhängt sich Martin Cohn. Er ist damals 72 Jahre alt, Invalide und hat keine Kraft mehr, fürchtet sich davor, was noch auf ihn zukommen könnte. Die Kinder, die noch in Einbeck leben, müssen sich als „jüdische Mischlinge 1. Grades“ regelmäßig auf der Polizeiwache melden. Über eine Enkeltochter von Martin Cohn berichtet eine Zeitzeugin, das Mädchen sei nach dem Novemberpogrom 1938 von ihren Mitschülerinnen die Treppe hinuntergestoßen worden mit den Worten „Judenweib, wann gehst du endlich von der Schule?!“

Maschenstraße 5.

Maschenstraße 5.

Familien Stern/Strauß

Fanny und Julius Stern.

Fanny und Julius Stern.

Julius Stern, geboren 1886, betreibt seit 1912 eine Viehhandlung in der Hullerser Straße, dort wohnt er zunächst „ohne eigenen Hausstand“ zur Untermiete. Kurz nach der Hochzeit mit Flora Fanny Strauß 1912 zieht das Ehepaar zunächst zum Marktplatz 23, heute als „Steinhaus“ bekannt. Ein Jahr später wird Sohn Heinz Rudolf geboren, 1922 Tochter Renate. 1916 lebt für mehrere Monate Minna, die Schwester von Fanny Stern, bei den Sterns in der Wohnung im Steinhaus. Wahrscheinlich lernt sie dort ihren späteren Mann Louis Fuchs kennen. Julius Stern erwirbt 1919 das Haus am Bürgermeisterwall 6, im gleichen Jahr ziehen Louis und Minna Fuchs am Tag ihrer Hochzeit mit dort ein. Louis Fuchs ist zu diesem Zeitpunkt Gesellschafter bei der Peitschenfabrik Stern & Krieger in der Altendorfer Chaussee, das Gebäude kennen viele Einbecker noch als „Möbel-Otto“. Das Ehepaar Fuchs zieht 1932 aus dem Bürgermeisterwall in eine Wohnung auf dem Firmengelände. Im Dezember 1933 ziehen dann Hermann und Bertha Strauß zu ihrer Tochter Fanny und dem Schwiegersohn Julius Stern.

Fanny Stern mit Heinz.

Fanny Stern mit Heinz.

Heinz Rudolf Stern wird bereits zu Beginn der 1930-er Jahre an der Universität als Jude diskriminiert und beschimpft. Er verlässt Einbeck deswegen schon 1931 und emigriert zusammen mit einem Onkel nach Sao Paulo/Brasilien. Bis 1935 spitzt sich die Lage für die Familie Stern und alle anderen jüdischen Familien in Einbeck zu. Renate Stern wird in der Schule als Jüdin ausgegrenzt und gedemütigt, kein Mädchen spielt mehr mit ihr auf dem Schulhof. Julius Stern verzeichnet massive Einschnitte beim Viehhandel. Viele Käufer zahlen das erworbene Vieh nicht mehr, die SA stellt sich vor die Ställe von Julius Stern, um eventuelle Käufer abzuhalten. Die Familie beschließt zu emigrieren. So verlassen Julius und Renate Stern sowie Hermann und Bertha Strauß im Dezember 1935 Einbeck in Richtung Brasilien. Mit ihnen wandert Hertha, die Tochter von Louis und Minna Fuchs, nach Sao Paulo aus. Mutter Flora Fanny bleibt noch zwei Monate länger in Einbeck als der Rest der Familie, um alles rund um den Verkauf des Hauses zu organisieren, was nur mit großen Verlusten möglich ist. In Sao Paulo überlebt die Familie, indem sie eine Pension eröffnet. Die ersten Jahre sind hart und entbehrungsreich, unter den einfachsten Bedingungen leben die Familien Stern und Strauß in dem neuen Land und müssen versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen.

Fanny und Julius Stern in Brasilien.

Fanny und Julius Stern in Brasilien.

Bürgermeisterwall 6.

Bürgermeisterwall 6.